Das Rett-Syndrom

Entdeckung und Geschichte

bis hin zu modernen Therapieansätzen

Die Entdeckung des Rett-Syndroms – vom Zufall zur gezielten Therapie

Dass das Rett-Syndrom heute als eigenständige neurologische Entwicklungsstörung bekannt ist, verdankt sich einer aufmerksamen Beobachtung – und einem Moment, in dem jemand genau hinsah.

Mitte der 1960er Jahre fiel dem Wiener Kinderarzt Dr. Andreas Rett in seiner Praxis etwas Ungewöhnliches auf. Zwei Mädchen, beide wegen epileptischer Anfälle in Behandlung, saßen auf dem Schoß ihrer Mütter im Wartezimmer. Als die Mütter die Arme ihrer Kinder kurz losließen, begannen beide Mädchen nahezu synchron mit auffälligen, waschenden Handbewegungen.

Dr. Rett erinnerte sich später:

„Es waren derselbe starre Blick, der gleiche Gesichtsausdruck, die gleichen schwachen Muskeln und die gleichen stereotypen Bewegungen ihrer Hände. Die typischen stundenlangen Reib- und Knetbewegungen der Hände vor der Brust oder vor dem Mund sind eine der Grundlagen der Diagnose.“

(Wiener Zeitung, nach einem Bericht von Friedrich Katscher, 05.11.1999)

Was damals wie ein Zufall wirkte, war der Beginn der Beschreibung eines neuen Krankheitsbildes.

Lange Zeit: Diagnose nur bei schweren Verläufen

Über viele Jahre hinweg war das Rett-Syndrom ausschließlich klinisch diagnostizierbar. Das bedeutete: Ärztinnen und Ärzte stützten sich allein auf sichtbare, meist ausgeprägte Symptome wie den Entwicklungsrückschritt, die typischen Handstereotypien und schwere motorische Einschränkungen.

Folglich wurden fast ausschließlich schwer betroffene Mädchen diagnostiziert. Das Rett-Syndrom galt als seltene, immer schwer verlaufende Erkrankung.
Kinder mit milderen, atypischen oder unvollständigen Symptomen hätten damals niemals die Diagnose „Rett-Syndrom“ erhalten – sie blieben unerkannt oder wurden anderen Krankheitsbildern zugeordnet.

1998: Der Wendepunkt durch die Genforschung

Parallel zur klinischen Beobachtung arbeiteten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit daran, die genetische Ursache der Erkrankung zu finden. Dieser Einsatz führte 1998 zu einem entscheidenden Durchbruch:
Die verantwortliche Mutation konnte auf Bande 28 des langen Arms des X-Chromosoms (Xq28) eingegrenzt werden. Kurz darauf wurde das MECP2-Gen identifiziert.

Diese Entdeckung veränderte das Verständnis des Rett-Syndroms grundlegend. Erstmals war klar:
Rett ist eine genetisch bedingte neurologische Entwicklungsstörung – und sie kann sich sehr unterschiedlich zeigen.

Mit der genetischen Diagnostik wurde sichtbar, was zuvor verborgen geblieben war:

  • Kinder mit milderen oder atypischen Verläufen

  • Varianten des Rett-Syndroms

  • auch Jungen mit MECP2-Mutationen

Heute wissen wir: Rett ist ein Spektrum. Kein Kind gleicht dem anderen, Symptome können sich verändern, verstärken oder auch wieder in den Hintergrund treten.

Von der Erkenntnis zur gezielten Forschung

Die Identifikation von MECP2 war kein Endpunkt, sondern der Startschuss für eine neue Forschungsära. Besonders in den USA entstanden umfangreiche Forschungsprogramme, die sich mit der Rolle von MECP2 im Gehirn beschäftigten.

Im Fokus stand die Frage, wie dieses Gen die Entwicklung und Funktion von Nervenzellen beeinflusst – und ob sich gestörte Signalwege therapeutisch beeinflussen lassen. Was lange als unmöglich galt, wurde langsam denkbar: eine gezielte Behandlung des Rett-Syndroms.

Ab den 2010er-Jahren begannen die ersten klinischen Studien mit krankheitsspezifischen Wirkstoffen. Diese Studien waren vorsichtig, eng begleitet und auf Sicherheit ausgelegt. Für viele Familien war allein dies ein Hoffnungsschimmer: Zum ersten Mal ging es nicht nur um Begleitung, sondern um echte therapeutische Ansätze.

Daybue® – ein Meilenstein in der Rett-Geschichte

Ein historischer Moment folgte mit der Entwicklung von Daybue® (Trofinetide).

Daybue ist der erste speziell für das Rett-Syndrom zugelassene Wirkstoff, der gezielt auf zentrale Symptome wie Kommunikation, Motorik und alltagsrelevante Fähigkeiten wirkt. Er setzt an neuronalen Prozessen an, die durch die MECP2-Mutation aus dem Gleichgewicht geraten sind.

Die Zulassung markiert einen Wendepunkt:

  • USA: Zulassung durch die FDA

  • Kanada: zugelassen

  • Israel: zugelassen

Damit existiert erstmals eine offiziell anerkannte medikamentöse Therapie für das Rett-Syndrom.

Wichtig ist dabei:
Daybue ist keine Heilung. Aber es ist ein Anfang. Ein Beweis dafür, dass gezielte Forschung Wirkung zeigen kann – und dass Rett-Syndrom heute behandelbar ist.

Heute und morgen: Hoffnung mit Bodenhaftung

Was mit einer zufälligen Beobachtung im Wiener Wartezimmer begann, ist heute ein internationales Forschungsfeld. Das Rett-Syndrom wird nicht mehr als starres, unveränderliches Krankheitsbild verstanden, sondern als dynamisches Spektrum, das individuell begleitet und zunehmend gezielt behandelt werden kann.

Die moderne Genforschung hat Türen geöffnet – zu besserer Diagnostik, neuen Therapieansätzen und einer wachsenden Zuversicht. Der Weg ist noch lang, doch er wird gegangen: mit Wissen, Ausdauer und dem festen Willen, die Lebensqualität von Menschen mit Rett-Syndrom Schritt für Schritt zu verbessern.

Manchmal beginnt Fortschritt leise. Und manchmal reicht es, genau hinzusehen – so wie damals, im Jahr 1965.

Ansprechpartnerin für
Eltern - kostenlose Beratung
Tamara PhilippiJetzt Erstgespräch anfragen

Gentests verschaffen seit 1999 Klarheit

Seit Oktober 1999 steht nun ein Gentest zur Verfügung und seitdem präsentiert sich das Rett-Syndrom wesentlich vielgestaltiger, als man vorher vermuten konnte. Denn der Gentest filtert seit Oktober 1999 auch die weniger typischen Fälle heraus und ordnet sie eindeutig dem Rett-Syndrom zu.

Die Diagnose kann mit Hilfe des Gentestes nun auch wesentlich früher gestellt werden, da bereits der Verdacht auf Rett-Syndrom genügt, um die Untersuchung einzuleiten. Man muss nicht mehr warten, bis die typischen Symptome auftreten. Es zeigt sich, dass es doch eine Reihe von relativ milden Verlaufsformen gibt. Vereinzelt wurden sogar Jungen als Rett-Kinder diagnostiziert.

Neue Erkenntnisse zeigen ein vielfältiges Krankheitsbild auf

Das Rett-Syndrom muss also nicht zwangsweise so schwerwiegend verlaufen, wie in der (alten) Literatur beschrieben: „Mädchen, die weder laufen, krabbeln oder sitzen können, die nicht sprechen, keine sinnvollen Handfunktionen besitzen, epileptische Anfälle bekommen, eine Skoliose entwickeln und stark autistisch sind.“ Andererseits kann niemand den Eltern eine genaue Prognose über den Verlauf geben. Das ist sehr belastend für die Betroffenen. Und wenn dann tatsächlich die Regressionsphase einsetzt und das Kind in rascher Folge Fähigkeiten verliert, innerhalb weniger Wochen oder Monate stark einbricht, stehen die Eltern hilflos dabei und sind innerlich zerrissen vor Mitleid, Angst, Entsetzen, Trauer.

Hier setzt die Arbeit der Elternhilfe ein. In der Geschäftsstelle werden erste Auskünfte erteilt, Kontakte vermittelt und Informationen weitergegeben. Dazu gehören Fachartikel von Medizinern und Therapeuten, Filmmaterial, Bücher u.v.m.

Selbst die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt. (Lao Tse)

Am 22.08.1987 wurde in Göttingen die Bundesvereinigung „Elternhilfe für Kinder mit Rett-Syndrom in Deutschland e.V.“ gemeinsam von Ärzten und Eltern gegründet. Dies geschah 21 Jahre nach der ersten Beschreibung der Krankheit durch Andreas Rett aus Wien und vier Jahre nach der Neubeschreibung 1983 durch Bengt Hagberg aus Göteborg. Man mag sich fragen, wieso geschah dies auf Anregung von Ärzten und warum in Göttingen?
Zum Verständnis mögen einige historische Anmerkungen dienen.

Entwicklungsstörungen bei Kindern beschäftigten Ärzte, besonders Kinderärzte zwar schon seit langem, eine systematische, auf wissenschaftlichen Daten basierende Krankenversorgung und Erforschung der Ursachen, besonders der geistigen Behinderungen, begann in Deutschland erst in den Jahren nach 1960. Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Epilepsien und geistigen Behinderungen wurden meist in kirchlichen bzw. staatlichen Einrichtungen betreut. Das Mitspracherecht der Eltern und Patienten zu ihrem Krankheitsschicksal war gering.
Die Ursachen von Krankheiten des Gehirnes waren häufig unbekannt, wie auch beim Rett-Syndrom, das seit Ende der 1960er Jahre meine Biografie begleitet.

Prof. Dr. F. Hanefelds erster Kontakt mit dem Rett-Syndrom

In England, wo ich eine damals in Deutschland nicht mögliche Ausbildung in Neuropädiatrie erfuhr, lernte ich den schwedischen Kinderarzt und Kinderneurologen Bengt Hagberg kennen. Er zeigte mir Anfang der 1970er Jahre in Göteborg Mädchen mit einem unbekanntem Krankheitsbild, das ich einige Jahre zuvor bei Patientinnen in meiner Berliner Kinderklinik gesehen hatte und das B. Hagberg 1983 zusammen mit Kinderneurologen aus Frankreich und Portugal in einer englischsprachigen Zeitschrift unter dem Namen Rett-Syndrom detailliert beschrieb. Er stellte die Verbindung zur Andreas Rett her. 1984 traf sich eine kleine Gruppe von Kinderneurologen in Wien und formulierte die 1985 publizierten „Wiener Kriterien“ für die klinische Diagnose des Rett-Syndroms. Uns Kinderärzten ist damals sehr rasch klar geworden, dass diese „seltene Krankheit“ sehr viel häufiger als bis dato bekannt, vorkommt, und dass die betroffenen Kinder und Familien viel Hilfe benötigen.

Diese Hilfe konnte nicht nur medizinischer Art sein, sondern umfasste alle Bereiche von Erziehung, Betreuung und Therapie. Dabei spielen die Eltern die wichtigste Rolle: Sie kennen ihre Kinder am besten, können deren Bedürfnisse und Leiden tagtäglich beobachten, Veränderungen registrieren und den Nutzen therapeutischer Maßnahmen am besten beurteilen. Sie sind am engsten mit ihren Kindern verbunden.
Wie die meisten genetischen Krankheiten kann man das Rett-Syndrom behandeln, aber nicht heilen. Große Aufgaben liegen noch vor uns.

Es war allen an der Entdeckung des Rett-Syndroms Beteiligten klar, dass nur in engem Verbund zwischen den betroffenen Familien, den Ärzten und Therapeuten sowie der Grundlagenforschung, die Ursachen des Rett-Syndroms aufgeklärt und Wege zu einer erfolgreichen Behandlung gefunden werden können. Dies ist ein Geben und Nehmen. Das Verständnis der Ursachen, des Verlaufes und der Therapie beim Rett-Syndrom vermehrt unsere wissenschaftlichen Kenntnisse und wird so auch anderen Kranken helfen.

Die Bildung einer Vereinigung von Familien mit Rett-Syndrom schien uns an der Göttinger Kinderklinik deshalb das Gebot der Stunde zu sein. Gelernt haben wir auch hier viel von unseren Freunden in Schweden, England und natürlich von Andreas Rett in Wien.

1984 habe ich einen Ruf auf den Lehrstuhl für Kinderheilkunde mit Schwerpunkt Neuropädiatrie an der Georg-August-Universität in Göttingen erhalten und diesen 1985 angenommen. Sehr schnell fand sich eine kleine Gruppe von Eltern mit „Rett-Kindern“ zusammen und gemeinsam haben wir die Elternhilfe Rett-Syndrom gegründet. Die Familien Asthalter, Hartmann und Winters, die Physiotherapeuten Frau Montano und Frau Pajong, der Kinderärzte Drs. Christen, Rating und viele andere waren am Anfang dabei.

Die Rett-Elternhilfe ist eine große Gemeinschaft geworden mit vielen Gesichtern. Bei allen Unterschieden und regionalen Besonderheiten verbindet sie die Liebe und die Verantwortung für Kinder und Erwachsene mit Rett-Syndrom. Alle haben wir das gleiche Ziel auf der langen Reise, die mit dem ersten Schritt 1987 begann.

Prof. Dr. F. Hanefeld (März 2012)

Jetzt fördern & spenden

Sie möchten uns unterstützen?

Jetzt fördern & spenden

Damit wir die Kinder mit Rett-Syndrom weiterhin betreuen können, benötigen wir Ihre Spende.
Sie schenken damit unseren schwerstbehinderten Kindern Lichtblicke in ihrem schwierigen Alltag - Vielen Dank!

Rett Deutschland e.V. – Elternhilfe für Kinder mit Rett-Syndrom – ist als gemeinnützig anerkannt, Spenden sind von der Steuer absetzbar.

Fördern & Spenden