Was ist das Rett-Syndrom?
Wenn ein Kind sich anfangs scheinbar ganz normal entwickelt – lacht, greift, erste Laute von sich gibt – und dann plötzlich Fähigkeiten wieder verliert, gerät die Welt der Familie aus dem Gleichgewicht. Die Diagnose Rett-Syndrom trifft die meisten völlig unvorbereitet.
Das Rett-Syndrom ist eine seltene, genetisch bedingte neurologische Entwicklungsstörung, die fast ausschließlich bei Mädchen auftritt. Die Ursache liegt auf genetischer Ebene, der Verlauf zeigt sich häufig in vier typischen Entwicklungsphasen, die unterschiedlich ausgeprägt sein können.
So tiefgreifend die Symptome auch sind:
Das Kind bleibt ein fühlendes, wahrnehmendes Wesen – mit eigener Persönlichkeit, eigenen Vorlieben und einem ganz eigenen Zugang zur Welt. Viele Eltern berichten von inniger Nähe, von Blicken, die mehr sagen als Worte, und von kleinen, oft mühsam errungenen Fortschritten, die im Alltag zu kostbaren Momenten werden. Der Lebensweg ist anders – aber er ist nicht leer.
Ursache und Diagnose – endlich Klarheit finden
Wichtig zu wissen – und das sagen wir ganz bewusst und klar:
Das Rett-Syndrom entsteht nicht durch äußere Einflüsse wie Impfungen, das Verhalten während der Schwangerschaft oder durch Erziehungsfehler. Niemand trägt Schuld.
Es handelt sich um eine genetisch bedingte Entwicklungsstörung des zentralen Nervensystems, die meist durch eine spontane Veränderung (Mutation) im sogenannten MECP2-Gen auf dem X-Chromosom verursacht wird. Diese Mutation entsteht in der Regel zufällig. Sie ist nicht vererbbar und nicht vermeidbar.
Das MECP2-Gen spielt eine zentrale Rolle bei der Reifung von Nervenzellen im Gehirn. Ist seine Funktion gestört, wirkt sich das auf viele Bereiche der Entwicklung aus – unter anderem auf Sprache, Bewegung, Atmung und Wahrnehmung.
Häufig verläuft die frühe Entwicklung zunächst unauffällig. Erst nach und nach zeigen sich Veränderungen:
verloren gegangene Fähigkeiten, stereotype Handbewegungen, Atemauffälligkeiten oder ein verändertes Verhalten. Viele Familien erleben in dieser Phase eine lange Odyssee von Arzt zu Arzt. Entsprechend zieht sich der Weg zur Diagnose oft über Monate oder sogar Jahre.
Erste Hinweise ergeben sich aus dem klinischen Bild, also dem typischen Entwicklungsverlauf und den beobachtbaren Symptomen. Gewissheit bringt schließlich ein Gentest, der aus einer kleinen Blutprobe durchgeführt wird. Mit hoher Sicherheit kann dabei festgestellt werden, ob eine Mutation im MECP2-Gen vorliegt.
Die Diagnose basiert somit auf dem Zusammenspiel von typischen Symptomen und genetischem Nachweis. Auch wenn dieser Moment schwer ist, empfinden viele Familien ihn zugleich als Entlastung:
Endlich gibt es eine Erklärung. Endlich einen Namen. Und endlich die Möglichkeit, gezielt Unterstützung zu finden.
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Tel: 0151 65 40 74 70
Mail: info@rett.de
Frühe Anzeichen des Rett-Syndroms
Wenn das Gefühl sagt: „Da stimmt etwas nicht.“
Viele Eltern schauen im Rückblick auf die ersten Lebensmonate ihres Kindes und sagen: Eigentlich war es kein einzelnes Ereignis – es war eher ein leises, anhaltendes Gefühl. Genau diese leisen Signale sind es, die die frühen Anzeichen des Rett-Syndroms oft so schwer greifbar machen.
In der Regel entwickeln sich Mädchen mit Rett-Syndrom zunächst scheinbar altersgerecht. Lächeln, erste Laute, Greifen – all das kann vorhanden sein. Die frühen Auffälligkeiten zeigen sich meist zwischen dem 6. und 18. Lebensmonat und entwickeln sich schleichend. Nicht jedes Kind zeigt alle Anzeichen, und ihre Ausprägung kann sehr unterschiedlich sein.
Mögliche frühe Anzeichen – etwas genauer betrachtet:
Veränderungen im Kontaktverhalten
Viele Eltern beschreiben, dass ihr Kind mit der Zeit weniger aktiv den Kontakt sucht.
Der Blickkontakt wird seltener oder kürzer
Das Kind wirkt zeitweise „in sich gekehrt“
Auf Ansprache, Lächeln oder Spielangebote wird weniger reagiert
Es entsteht der Eindruck, das Kind sei emotional schwerer erreichbar
Nachlassendes Interesse an der Umwelt
Was vorher neugierig machte, scheint plötzlich weniger spannend:
Spielzeug wird kürzer oder gar nicht mehr erkundet
Geräusche, Stimmen oder Bewegungen lösen weniger Reaktion aus
Das Kind wirkt passiv oder ungewöhnlich ruhig
Verlangsamte oder stagnierende motorische Entwicklung
Motorische Meilensteine können verzögert erreicht werden oder geraten ins Stocken:
Sitzen, Krabbeln oder erste Stehversuche lassen länger auf sich warten
Bewegungen wirken unsicher oder wenig koordiniert
Das gezielte Greifen nach Gegenständen nimmt ab
Verlust bereits erworbener Fähigkeiten
Besonders belastend für Eltern ist die Phase, in der scheinbar kleine Fortschritte wieder verschwinden:
Laute oder erste „Wortansätze“ werden weniger
Das gezielte Benutzen der Hände geht zurück
Fähigkeiten, die sicher schienen, sind plötzlich nicht mehr abrufbar
Auffälligkeiten der Handnutzung
Ein frühes, aber oft noch unspezifisches Zeichen:
Die Hände werden weniger funktional eingesetzt
Erste stereotype Handbewegungen können auftreten (z. B. Reiben, Kneten, Händeklatschen)
Gegenstände werden nicht mehr gezielt gehalten
Verlangsamtes Kopfwachstum
Bei einigen Kindern fällt auf, dass:
der Kopfumfang langsamer wächst als erwartet
sich die Wachstumskurve im Vergleich zu Gleichaltrigen abflacht
Allgemeiner Eindruck
Viele Eltern beschreiben ihr Kind als:
auffallend pflegeleicht oder ruhig
weniger fordernd als andere Kinder
zeitweise „abwesend“, ohne klar benennen zu können, warum
Wichtig zu wissen
Keines dieser Anzeichen allein bedeutet automatisch ein Rett-Syndrom. Viele der beschriebenen Beobachtungen können auch andere Ursachen haben oder vorübergehend sein. Entscheidend ist die Summe – und Dein Gefühl als Mutter oder Vater.
Wenn Du Dir Sorgen machst oder Veränderungen wahrnimmst, sprich unbedingt mit einer Ärztin oder einem Arzt.
Eine frühe Abklärung schafft Klarheit, gibt Orientierung und ermöglicht – wenn nötig – rechtzeitige Förderung und Unterstützung. Fragen zu stellen ist kein Zeichen von Unsicherheit, sondern von Verantwortung.
Die vier Phasen des Rett-Syndroms
Ein Orientierungsmodell für Eltern und Angehörige
Der Verlauf des Rett-Syndroms wird klassischerweise in vier Phasen eingeteilt. Dieses Modell hat sich über viele Jahre bewährt und hilft dabei, typische Entwicklungsschritte besser einzuordnen. Dabei ist wichtig zu wissen: Jedes Kind ist einzigartig. Nicht alle Mädchen (und selten auch Jungen) durchlaufen alle Phasen gleich, und Intensität sowie Dauer können sehr unterschiedlich sein.
Die Phasenbeschreibung soll Orientierung geben – nicht verunsichern. Sie kann helfen, Veränderungen besser zu verstehen und den eigenen Weg ein Stück gelassener zu begleiten.
1. Phase – Frühe Entwicklungsverzögerung
(meist zwischen dem 6. und 18. Lebensmonat)
In der ersten Phase zeigen sich häufig sehr subtile Veränderungen, die zunächst schwer einzuordnen sind. Viele Kinder wirken auffallend ruhig, manchmal fast „zu brav“. Der Blickkontakt ist reduziert, das Interesse an Spiel, Umwelt oder Ansprache scheint geringer ausgeprägt als bei Gleichaltrigen.
Motorische Entwicklungsschritte wie Drehen, Sitzen, Krabbeln oder gezieltes Greifen werden oft verzögert erreicht oder bleiben ganz aus. Häufig verlangsamt sich auch das Kopfwachstum. Für Außenstehende wirken diese Anzeichen oft unspezifisch – viele Eltern jedoch berichten rückblickend von einem inneren Gefühl, dass „etwas anders ist“. Dieses Bauchgefühl verdient Beachtung.
2. Phase – Rascher Fähigkeitsverlust (Regression)
(meist im Alter von 1 bis 4 Jahren)
Diese Phase ist für viele Familien besonders belastend. Fähigkeiten, die das Kind bereits erworben hatte – etwa erste Worte, gezielter Handgebrauch oder intensiver Blickkontakt – gehen schrittweise oder auch relativ plötzlich verloren.
Typisch ist das Auftreten sogenannter stereotypischer Handbewegungen, zum Beispiel Händewringen, Reiben, Klatschen oder das ständige Führen der Hände zum Mund. Der soziale Rückzug kann zunehmen, das Kind wirkt zeitweise weniger ansprechbar.
Oft kommen weitere Symptome hinzu: Atemauffälligkeiten, Schlafstörungen, Verdauungsprobleme oder erste epileptische Anfälle. Diese Zeit ist geprägt von vielen Fragen, Sorgen und der Suche nach Antworten – medizinisch wie emotional. Eine gute Begleitung und der Austausch mit anderen betroffenen Familien können hier besonders wertvoll sein.
3. Phase – Stabilisierungsphase
(vom Vorschulalter bis ins Jugendalter)
Nach der Phase des Fähigkeitsverlustes folgt bei vielen Kindern eine Phase der relativen Stabilisierung. Der Verlauf wirkt ruhiger, manche Symptome treten weniger stark in den Vordergrund. Der Blickkontakt verbessert sich häufig, ebenso das Interesse an der Umwelt und an vertrauten Personen.
Viele Mädchen zeigen wieder mehr Ausdruck, Freude und emotionale Reaktionen – auf ihre ganz eigene Weise. Motorische Fähigkeiten können sich stabilisieren oder leicht verbessern, zum Beispiel beim Sitzen, Stehen mit Unterstützung oder im Umgang mit Hilfsmitteln.
Für viele Familien ist diese Phase eine Zeit, in der neue Zuversicht entsteht. Der Alltag bleibt anspruchsvoll, doch das Miteinander gewinnt oft an Tiefe und Verständigung.
4. Phase – Spätphase mit motorischem Abbau
(Jugend- und Erwachsenenalter)
Im Jugend- und Erwachsenenalter stehen häufig körperliche Veränderungen im Vordergrund. Die Muskelspannung nimmt zu, Bewegungen werden steifer, und die Mobilität kann sich weiter einschränken. Skoliose, Hüftprobleme und Schwierigkeiten beim Sitzen oder Gehen treten vermehrt auf.
Auch epileptische Anfälle oder Atemauffälligkeiten können wieder zunehmen. Gleichzeitig bleiben viele emotionale und kognitive Fähigkeiten erhalten. Das Interesse an vertrauten Menschen, an Musik, Berührung, Nähe und gemeinsamen Ritualen ist oft deutlich spürbar.
Viele Rett-Frauen entwickeln über die Jahre sehr individuelle Ausdrucksformen – über Blicke, Gesten, Laute oder kleine Reaktionen. Für Familien werden diese Zeichen zu einer eigenen, wertvollen Sprache.
Ein wichtiger Gedanke zum Schluss
Die Phasen des Rett-Syndroms beschreiben keinen starren Ablauf, sondern ein Orientierungsmodell. Sie können helfen, Veränderungen besser zu verstehen – ersetzen aber niemals den individuellen Blick auf das eigene Kind. Entwicklung ist möglich, Beziehung wächst, und Lebensqualität entsteht oft genau dort, wo man sie am wenigsten erwartet.
Varianten des Rett-Syndroms – jedes Kind geht seinen eigenen Weg
Das Rett-Syndrom zeigt sich nicht bei allen Kindern gleich. Auch wenn es typische Merkmale gibt, unterscheiden sich Verlauf, Schweregrad und Entwicklung oft deutlich voneinander. Manche Kinder entwickeln bestimmte Fähigkeiten weiter, andere brauchen von Anfang an sehr viel Unterstützung. Genau deshalb spricht man in der Fachwelt von verschiedenen Varianten des Rett-Syndroms.
Diese Einteilung kann helfen, medizinische Zusammenhänge besser zu verstehen und Therapien gezielter zu planen. Sie ist jedoch keine Schublade und schon gar keine Vorhersage für die Zukunft. Denn kein Kind lässt sich auf eine Diagnose reduzieren. Jedes Kind mit Rett-Syndrom hat seine eigene Persönlichkeit, seine eigenen Ausdrucksformen – und seinen ganz individuellen Weg.
Im Folgenden geben wir Dir einen Überblick über die bekanntesten Varianten.
Zappella-Variante (milder Verlauf)
Die Zappella-Variante ist durch einen insgesamt milderen Verlauf gekennzeichnet. Einige Kinder behalten ihre Sprachfähigkeit teilweise oder entwickeln alternative Kommunikationsformen gut weiter. Auch die motorischen Einschränkungen können geringer ausgeprägt sein, und epileptische Anfälle treten häufig später oder gar nicht auf.
Viele Kinder mit dieser Variante erreichen ein höheres Maß an Selbstständigkeit im Alltag. Für Familien ist diese Diagnose oft mit vorsichtiger Zuversicht verbunden – wohl wissend, dass weiterhin Förderung, Therapie und eine enge Begleitung notwendig bleiben. Rett bleibt Rett, aber manchmal mit etwas mehr Spielraum.
Hanefeld-Variante (früh einsetzende Epilepsie)
Bei der Hanefeld-Variante stehen schwere epileptische Anfälle sehr früh im Vordergrund – teilweise bereits in den ersten Lebensmonaten, noch bevor andere typische Rett-Merkmale deutlich werden. Diese frühe Epilepsie kann die Entwicklung stark beeinflussen und ist für Eltern oft besonders beängstigend.
Eine gute neurologische Betreuung ist hier von zentraler Bedeutung. Ziel ist es, die Anfälle möglichst gut einzustellen, um dem Kind Entwicklungschancen zu eröffnen und den Alltag für die Familie stabiler zu machen. Auch wenn der Start schwer ist: Mit der richtigen Unterstützung lassen sich Wege finden.
Rolando-Variante (angeborenes Rett-Syndrom)
Diese sehr seltene Form wird auch als angeborenes Rett-Syndrom bezeichnet. Die typische Phase einer scheinbar normalen frühen Entwicklung fehlt hier. Auffälligkeiten zeigen sich bereits ab Geburt.
Viele Kinder mit dieser Variante erreichen klassische Entwicklungsschritte wie freies Sitzen oder gezielte Bewegungen nur eingeschränkt oder gar nicht. Der Unterstützungsbedarf ist hoch, und der Alltag verlangt Familien viel Kraft, Organisation und Durchhaltevermögen ab.
Gleichzeitig erleben Eltern immer wieder, dass ihre Kinder sehr wohl kommunizieren – auf ihre eigene Weise. Über Blicke, Mimik, Körperspannung oder Nähe entstehen tiefe Verbindungen, die zeigen: Lebensfreude und Beziehung sind nicht an Worte oder Bewegungen gebunden.
Was bedeutet das für Dich und Dein Kind?
Vielleicht begegnest Du im Laufe der Diagnostik oder in Arztgesprächen dem Begriff einer bestimmten Variante. Das kann zunächst verunsichern. Wichtig ist:
Diese Bezeichnungen helfen vor allem Ärztinnen und Ärzten bei der Einordnung und Behandlung – sie legen nicht fest, was Dein Kind kann oder nicht kann.
Entwicklung ist auch beim Rett-Syndrom möglich. Sie verläuft oft langsamer, in kleinen Schritten, manchmal in Wellen – aber sie ist da. Geduld, liebevolle Begleitung, Therapie und Vertrauen in Dein Kind spielen dabei eine entscheidende Rolle.
Rett-ähnliche Syndrome – wenn es ähnlich aussieht, aber etwas anderes ist
Nicht jedes Kind mit Rett-typischen Symptomen hat tatsächlich das klassische Rett-Syndrom. Es gibt genetische Erkrankungen, die im Erscheinungsbild sehr ähnlich sind, sich jedoch in Ursache, Verlauf und Therapie unterscheiden.
Zu den wichtigsten Differenzialdiagnosen gehören:
CDKL5-Mangel-Syndrom
FOXG1-Syndrom
MECP2-Duplikationssyndrom
weitere seltene genetische Syndrome
Deshalb ist eine genetische Abklärung in spezialisierten Zentren so wichtig. Sie schafft Klarheit und ist die Grundlage dafür, die bestmögliche medizinische und therapeutische Unterstützung für Dein Kind zu finden.
Und ganz gleich, wie die Diagnose am Ende heißt: Du musst diesen Weg nicht allein gehen. Es gibt Wissen, Erfahrung – und Menschen, die Dich verstehen.
Wie lange dauert die Regressionsphase – und kann sie sich wiederholen?
Diese Frage hören wir sehr häufig. Vor allem dann, wenn Eltern spüren: Irgendetwas verändert sich gerade bei meinem Kind.
Dieses Bauchgefühl kennen viele – und es ist gut, darauf zu hören.
Beim Rett-Syndrom beginnt die sogenannte Regressionsphase meist zwischen dem 6. und 30. Lebensmonat. In dieser Zeit verlieren viele Kinder Fähigkeiten, die sie bereits erworben hatten – zum Beispiel erste Worte, gezielte Handbewegungen oder das aktive Interesse an ihrer Umwelt. Für Eltern ist das oft besonders schmerzhaft, weil man den Eindruck hat, etwas Wertvolles gleitet einem aus den Händen.
Wie lange diese Phase dauert, ist von Kind zu Kind sehr unterschiedlich.
Bei manchen Mädchen verläuft sie relativ kurz, manchmal nur über wenige Wochen. Bei anderen zieht sie sich über mehrere Monate hin. Der Verlauf kann ganz verschieden sein:
Manchmal geschieht der Rückschritt plötzlich und deutlich, manchmal schleichend und fast unmerklich – rückblickend wird er oft erst später richtig greifbar.
Die gute Nachricht:
Diese Regressionsphase kommt in der Regel nicht noch einmal in dieser Form zurück. Häufig schließt sich eine Phase der Stabilisierung an. Viele Eltern berichten, dass ihre Töchter in dieser Zeit wieder offener wirken, mehr Blickkontakt aufnehmen oder sozial aufblühen – auf ihre ganz eigene Weise.
Natürlich kann es im weiteren Leben immer wieder zu vorübergehenden Rückschritten kommen. Das kann zum Beispiel durch Infekte, Schmerzen, epileptische Anfälle oder andere Belastungen ausgelöst werden. Wichtig zu wissen:
Das ist keine neue Regressionsphase, sondern meist eine reaktive Verschlechterung, die sich mit guter medizinischer und therapeutischer Begleitung oft wieder bessert.
Unser Rat aus vielen Jahren Erfahrung:
Hab bitte keine Angst – aber beobachte Dein Kind aufmerksam. Und wenn Dich etwas verunsichert:
Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig eine Ärztin, einen Arzt oder ein SPZ aufsuchen.
Es gibt keine „dummen Fragen“ – nur Eltern, die ihr Kind liebevoll und verantwortungsvoll begleiten wollen.
Und genau darum geht es.
Rett ist nicht degenerativ – auch wenn es sich manchmal so anfühlt
Zu Beginn scheint alles ganz normal: Dein Kind entwickelt sich, lächelt, greift, plappert vielleicht sogar. Und dann verändert sich etwas. Bewegungen werden unsicher, bereits erlernte Fähigkeiten wie Greifen oder Sprechen gehen verloren. Für viele Eltern fühlt sich das an wie ein Rückschritt – als würde sich das eigene Kind „zurückentwickeln“.
Doch das Rett-Syndrom ist keine degenerative Erkrankung – und das ist eine wichtige, hoffnungsvolle Botschaft.
Beim Rett-Syndrom sterben keine Nervenzellen ab. Sie sind vorhanden, doch ihre Kommunikation ist gestört. Man kann es sich vorstellen wie bei einer Leitung, bei der die Signale nicht zuverlässig ankommen. Genau darin liegt der entscheidende Unterschied zu degenerativen Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson – und genau darin liegt auch Hoffnung.
Was Mut machen darf:
Fähigkeiten können sich wieder stabilisieren oder sich in bestimmten Bereichen sogar verbessern.
Therapien, gezielte Förderung und eine liebevolle, aufmerksame Begleitung können viel bewirken – oft auch in kleinen, aber bedeutsamen Schritten.
Entwicklung ist möglich. Sie verläuft vielleicht langsamer, nicht geradlinig, manchmal in Wellen – doch sie ist da.
Rett bedeutet Veränderung. Aber es bedeutet auch neue Wege, neue Perspektiven und eine Stärke, die viele Familien erst auf diesem Weg entdecken.
Und ganz wichtig: Du musst diesen Weg nicht allein gehen.
Es gibt andere Familien, die genau wissen, wie sich das anfühlt – und es gibt Unterstützung, Austausch und Gemeinschaft.
Leben mit Rett – ein langes Leben ist möglich
Viele Eltern stellen sich nach der Diagnose irgendwann die Frage nach der Lebenserwartung ihres Kindes. Oft ganz leise, manchmal nachts, manchmal nach einem Arztgespräch. Und nicht selten führt der erste Weg ins Internet – mit Ergebnissen, die verunsichern oder Angst machen. Wichtig zu wissen: Viele dieser Informationen sind überholt und entsprechen nicht mehr dem heutigen Wissensstand.
Heute wissen wir: Viele Menschen mit Rett-Syndrom können ein langes Leben führen.
Rett Deutschland e.V. begleitet Familien, deren Töchter inzwischen 50, 60 Jahre oder älter sind. Diese Frauen leben mit ihren individuellen Besonderheiten – oft in betreuten Wohnformen oder weiterhin im familiären Umfeld. Sie lachen, genießen Musik, reagieren auf vertraute Stimmen und Berührungen, freuen sich über Rituale und Nähe. Sie sind Töchter, Schwestern, Freundinnen – und vor allem: geliebte Familienmitglieder.
Dass es lange Zeit nur wenige Berichte über ältere Frauen mit Rett-Syndrom gab, hat einen einfachen Grund: Das Syndrom wurde früher häufig nicht erkannt oder falsch eingeordnet. Erst mit dem medizinischen Fortschritt und der genetischen Diagnostik wurde deutlich, wie viele Mädchen und Frauen tatsächlich betroffen sind – und wie vielfältig ihre Lebenswege sind.
Natürlich gehört zur ehrlichen Betrachtung auch: Beim Rett-Syndrom kann es in seltenen Fällen zu vorzeitigen Todesfällen kommen. Diese sind für Familien besonders schwer zu begreifen und machen verständlicherweise Angst. Mögliche Ursachen können schwere epileptische Anfälle, Atemregulationsstörungen, Herzrhythmusstörungen oder Komplikationen bei Infekten sein. Wichtig ist dabei: Diese Risiken betreffen nicht alle Betroffenen gleichermaßen und lassen sich heute deutlich besser überwachen und behandeln als noch vor vielen Jahren.
Regelmäßige medizinische Kontrollen, eine gute epileptologische Betreuung, Aufmerksamkeit für Atmung und Herzgesundheit sowie ein wachsames Umfeld tragen wesentlich dazu bei, Risiken zu erkennen und zu reduzieren. Viele Familien berichten, dass gerade die enge Beobachtung und Erfahrung im Alltag ein wichtiger Schutzfaktor ist.
Die individuelle Lebenserwartung hängt – wie bei jedem Menschen – von verschiedenen Faktoren ab: vom allgemeinen Gesundheitszustand, von der medizinischen Versorgung, vom Umgang mit Begleiterkrankungen und nicht zuletzt von einer liebevollen, stabilen Betreuung im Alltag.
Die gute Nachricht bleibt: Mit der richtigen Unterstützung ist ein langes, erfülltes Leben mit Rett-Syndrom möglich.
Moderne Medizin, Therapien, Hilfsmittel und das über Jahrzehnte gewachsene Erfahrungswissen von Familien tragen heute wesentlich dazu bei, die Lebensqualität zu verbessern – über viele Lebensphasen hinweg.
Und vielleicht das Wichtigste zum Schluss: Du gehst diesen Weg nicht allein.
Gemeinsam mit anderen Familien, Fachleuten und engagierten Begleitern setzen wir uns dafür ein, dass jede Rett-Frau – ob Kind, Jugendliche oder Erwachsene – gesehen wird und die bestmögliche Unterstützung erhält. In jedem Alter. Mit Würde, Zuwendung und Hoffnung.
Manchmal verläuft das Leben mit Rett-Syndrom anders, als man es sich erträumt hat. Aber es zeigt uns auch: Dieser Weg kann lang sein. Und er kann – trotz aller Herausforderungen – voller Nähe, Bedeutung und kostbarer Momente sein.
Diese Frage stellen sich viele Eltern – und sie ist absolut verständlich. Kurz gesagt: In den allermeisten Fällen wiederholt sich das Rett-Syndrom bei einem weiteren Kind nicht. Und genau das ist eine wichtige, beruhigende Nachricht.
Warum das so ist
Das Rett-Syndrom entsteht fast immer durch eine spontane genetische Veränderung (Mutation) im MECP2-Gen. Diese Veränderung passiert zufällig – meist bei der Entstehung der Eizelle oder sehr früh nach der Befruchtung.
Eltern tragen diese Veränderung in der Regel nicht in sich und haben nichts „weitergegeben“.
So wurde es früher schon erklärt – und daran hat sich bis heute nichts geändert:
Rett ist keine vererbte Erkrankung im klassischen Sinn.
Wie hoch ist das Wiederholungsrisiko?
Für die große Mehrheit der Familien liegt das Risiko, dass ein weiteres Kind ebenfalls Rett-Syndrom hat, unter 1 %.
Das Risiko ist also sehr gering – deutlich niedriger, als viele Eltern nach der Diagnose befürchten.
Wann braucht es genauere Abklärung?
In sehr seltenen Fällen kann es sein, dass:
ein Elternteil die genetische Veränderung in einem kleinen Teil seiner Keimzellen trägt (man spricht von Keimzellmosaik),
oder es besondere genetische Konstellationen gibt.
Deshalb gilt der bewährte Grundsatz:
Eine genetische Beratung ist immer sinnvoll, wenn Ihr über ein weiteres Kind nachdenkt.
Dort können individuelle Fragen geklärt werden – sachlich, ruhig und ohne Druck.
Was Eltern oft entlastet
Viele Familien berichten, dass allein das Wissen hilft:
„Wir haben nichts falsch gemacht.“
„Wir tragen keine Schuld.“
„Wir dürfen wieder Hoffnung haben.“
Und ja – diese Hoffnung ist berechtigt.

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Rett Deutschland e.V. – Elternhilfe für Kinder mit Rett-Syndrom – ist als gemeinnützig anerkannt, Spenden sind von der Steuer absetzbar.