Unterstützte Kommunikation
ISAAC 6. Fachtagung unterstützte Kommunikation am 15. September 2001 in
Dortmund
Bericht von Elisabeth Herting, Regionalgruppe Nordrhein
Am 15. September 2001 hatte ISAAC Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation
e.V. in Zusammenarbeit mit der Universität Dortmund zu ihrer 6. Fachtagung eingeladen.
Vier Veranstaltungsblöcke mit je 7 verschiedenen Arbeitsgruppen waren über den Tag
verteilt. Mich hätten viele Vorträge und Workshops interessiert, aber ich konnte
nur vier auswählen. Ich gebe hier eine kurze Zusammenfassung aus meiner Sicht als
Mutter einer nicht-sprechenden Rett-Tochter.
- Gebärden-unterstützte Kommunikation
- Kommunikationstherapie für Menschen ohne JA-NEIN-Konzept
- Unterstützung für nichtsprechende Kinder in der Kita-Gruppe
- Weitere Informationen
Gebärden-unterstützte Kommunikation
Prof. Etta Wilkens Erfahrungen mit der Gebärden-unterstützten Kommunikation (GuK)
beruhen hauptsächlich auf der Arbeit mit Down-Syndrom-Kindern. Die GuK fördert den
Spracherwerb (Sprachverständnis sowie Artikulation). Sie ist bei Down-Syndrom-Kindern
nur von vorübergehender Bedeutung, weil sie sich in der Regel irgendwann verbal
genügend gut äußern können. Bei GuK sollen die Gebärden nicht die Lautsprache ersetzen.
Vielmehr werden sie parallel zur Sprache eingesetzt. Dabei werden nicht alle, sondern
nur die wichtigsten Worte gebärdet. Gebärden sind nicht so schnell wie die gesprochenen
Sprache und können deshalb besser aufgenommen werden. Sagt man z.B. Hut und legt
als Gebärde die Hand auf den Kopf, ist das verständlicher als das gesprochene Wort
allein. Man öffnet mit den Gebärden einen zusätzlichen Sinneskanal: Der Inhalt wird
nicht nur über die Ohren, sondern auch noch über die Augen aufgenommen.
Unsere Rett-Kinder können sicher in der Regel keine Gebärden erlernen, aber sie
nehmen ihre Umwelt mit Augen und Ohren wahr. Deshalb denke ich, es lohnt sich, nicht
nur mit Worten, sondern zusätzlich mit Händen und Füßen mit ihnen zu sprechen. (Tun
bestimmt unbewusst viele Eltern.) Ich habe jedenfalls bei unserer Regina das sichere
Gefühl, dass sie besser versteht, wenn ich mich nicht nur verbal äußere. Gebärden
haben außerdem den Vorteil, dass man seine Hände im Gegensatz zu sonst eingesetzten
Hilfsmitteln wie Symbolkarten, oder elektronischen Kommunikationsmitteln (BigMack,
Talker, ...) immer dabei hat.
Wer sich diese Methode aneignen will, dem sei die von Etta Wilken erarbeitete Kartensammlung
empfohlen. Sie besteht aus 300 Karten, wobei auf 100 Bildkarten die Gebärden zu
den für kleinere Kinder wichtigsten Grundbegriffen gezeigt werden. Neben den Gebärdenkarten
gibt es Symbol- und Wortkarten.
Beispiel: 1. Gebärde jemand schält eine Banane, 2. das Wort Banane, 3. Abbildung
einer Banane.
Man kann mit Hilfe dieser Karten sicherlich manche lustigen Spiele für Rett- und
andere (Geschwister-) Kinder entwickeln. Die Symbolkarten können auch von Rett-Kindern
genutzt werden, die mit Augen oder Händen zeigen, was sie möchten. Der Umfang der
Kartensammlung ist zwar begrenzt, aber immerhin ein Anfang.
Zu bestellen unter http://www.ds-infocenter.de
Arbeitsmaterial GuK (Preis: 85 DM).
Kommunikationstherapie für Menschen ohne JA-NEIN-Konzept
Bemerkenswert fand ich die Ausführungen von Kloe/Schönbach/Weid-Goldschmidt zur
Kommunikationstherapie für Menschen, die noch kein vollständiges JA-NEIN-Konzept
entwickelt haben. Lange Zeit dachte man, der Aufbau einer JA-NEIN-Kommunikation
sei mit Hilfe von JA-NEIN-Karten oder Tasten und ausreichendem Training bei noch
so schwer behinderten Menschen möglich. Die Forschung hat jedoch gezeigt, dass sich
normal entwickelnde Kinder erst zwischen dem 18. und 24. Lebensmonat in der Lage
sind, zwischen JA und NEIN zu unterscheiden. Voraussetzung dafür ist u.a. ein ausreichendes
Sprachverständnis. Viele geistig behinderte Kinder aber müssen erst zu dieser Entwicklungsstufe
geführt werden. Manche erreichen sie nie.
Man kann dann alternativ mit Fotos, Bildern, Symbolen, Sprachausgabegeräten, Gesten,
Gebärden oder auch realen Gegenständen arbeiten. Einen Ansatz, der reale Gegenstände
verwendet, hat Marisska Burger auf dem Familienwochenende der Regionalgruppe Nordrhein
vorgestellt.
Ein anderes Beispiel: Ein junger Mann, der die Frage Willst Du Cola trinken? nicht
mit Ja oder Nein beantworten kann, ist dennoch in der Lage, eine Cola zu bestellen,
indem er auf eine Bildkarte mit Cola zeigt.
Unterstützung für nichtsprechende Kinder in der Kita-Gruppe
Die Logopädinnen Cornelia Deckenbach und Nikola Determann aus Berlin stellten
in einem Praxisbericht dar, wie nichtsprechende Kinder in ihrer Kita-Gruppe gefördert
werden. Die Kinder können durch Betätigen einer Klingel (wie im Hotel) auf sich
aufmerksam machen. (Unsere Tochter macht das durch ihre Unmutslaute ausgesprochen
deutlich!) Symbolkarten rund ums Essen geben den Kindern Möglichkeiten, ihr Frühstück
zu bestimmen. Als erstes Kommunikationsgerät wird ein BigMack (eine große Taste,
die individuell besprochen und vom Kind durch Draufschlagen ausgelöst werden kann)
eingesetzt
Beispiele der Anwendung:
- Übermittlung von Erlebnissen von daheim zur Kita und umgekehrt
- Spiele mit immer wiederkehrenden Sätzen (Mein rechter, rechter Platz ist frei)
- Bilderbücher mit sich wiederholenden Sätzen (Raupe Nimmersatt, Wir gehen auf
Bärenjagd, ...)
Weitere Informationen
Der ISAAC-Kongress in Dortmund bot insgesamt sehr viele Anregungen zur Förderung
der Kommunikation von Kindern mit Rett-Syndrom zuhause, in Kindergarten und Schule.
Vieles kann hier nur angedeutet oder überhaupt nicht erwähnt werden. Deshalb sei
interessierten Eltern, Pädagogen und Therapeuten der im von Loeper Literaturverlag
erschienene Tagungsband Forschung und Praxis der unterstützten Kommunikation (Hrsg.
Boenisch/Bünk, ISBN 3-86059-142-8, Preis: 38,00 DM ) empfohlen. Kurzfassungen der
enthaltenen Beiträge finden sich unter
www.zfw.uni-dortmund.de/uk.html.
Weitere Informationen zu ISAAC sowie das reichhaltige Veranstaltungsprogramm (auch
regionale Treffen!) dieser Organisation kann man ebenfalls im Internet unter
http://www.isaac-online.de
nachsehen.
Elisabeth Herting, Regionalgruppe Nordrhein
