Petö

Konduktive Förderung nach András Petö

In diesen Bericht möchte ich Euch von meinen Erfahrungen erzählen. Die Petö-Therapie
wurde nach dem ungarischen Neurologen Dr. András Petö benannt. Konduktive (= zusammenführende)
Förderung wird seit mehr als 40 Jahren erfolgreich praktiziert. Die Therapeuten
werden Konduktoren genannt und haben ein vierjähriges Hochschulstudium an dem staatlichen
Petö-Institut in Budapest absolviert. Die Konduktoren vereinen die Aufgaben des
Physio- und Bewegungstherapeuten, sowie Logopäden, Motopäden, Sonderpädagogen, Erziehers,
Pflegers und des Lehrers. Durch diese breitgefächerte Ausbildung können die Konduktoren
die Kinder und auch die Erwachsenen optimal fördern.

Ich versuche Euch jetzt meine Erfahrungen mit Petö zu beschreiben, wobei ich
bemerken möchte, dass sich meine Angaben über Ablauf und Kosten nur auf den Verein
"FortSchritt" in Langenhagen beziehen. Im August 2000 lasen wir einen Bericht in
der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) über den Verein "FortSchritt" in Langenhagen/Hannover.
In diesem Artikel wurde das Prinzip der Petö-Therapie vorgestellt. Gehört hatten
wir schon einiges über Petö und auch Berichte im Fernsehen gesehen. Wir erinnerten
uns an die Kinder, die da in Reih und Glied auf ihren Töpfchen saßen.

Wir wandten uns dann an "FortSchritt" und vereinbarten einen Vorstellungstermin
mit Hedda. Damit sich die Konduktorin im Vorfeld ein Bild von Heddas Lebenslauf
machen kann, schickten wir alle uns vorliegenden Berichte über Hedda zu ihr. Der
Untersuchungstermin verlief für uns zufriedenstellend, die Konduktorin hatte mit
Hedda eine Stunde gespielt und beobachtet, wie sich Hedda bei Anweisungen oder Gesang
verhält. Da die Konduktoren mit Heddas Behinderung noch keine Erfahrung hatten,
vereinbarten wir, dass wir zur Probe im Oktober 2000 einen Therapieblock. Da der
Verein während der EXPO ein gefördertes Projekt war, entstanden uns für diesen Block
keine Kosten. Da aber die Petö-Therapie noch immer keine anerkannte Heilform ist,
müssen wir Eltern die gesamten Kosten (ca. 2.300,- DM für 4 Wochen) selbst tragen.
Zur Zeit wird von der Bezirksregierung Hannover ein Großteil der Kosten übernommen.
So bleibt noch ein Betrag von 300,- DM, den wir gerne zahlen.

Auch wenn alles sehr spielerisch aussieht, wird viel von den Kindern verlangt,
aber alles in einem netten freundlichen, dennoch bestimmten Ton. Selbst Kinder,
die nicht mitmachen können (oder wollen), werden sehr geduldig animiert. Die Geduld
und Ruhe der Konduktoren, die ich bewundere, überträgt sich auf die Kinder und ist
einer guter Weg und Ansporn für die Zusammenarbeit mit den Kindern.

Hedda an der StangeNun möchte ich gern vom genauen Tagesablauf berichten. Geturnt wird von Montag bis
Freitag von 10:00 bis 13:00 Uhr. Die Kinder sind während der gesamten Zeit "windelfrei"
und ohne Orthesen oder Einlagen. Es sind immer 2 Konduktoren für ca. 5-7 Kinder
zuständig. Bei einigen Kindern turnen die Eltern (meistens die Mütter) mit. Je nach
Können der Kinder werden sie von den Konduktoren in den Turnraum begleitet. Hedda
z.B. gehend, dabei hält sie einen Stock mit beiden Händen fest. Die Konduktorin
unterstützt sie, in dem sie rückwärts gehend ebenfalls diesen Stock festhält. Andere
Kinder schieben den typischen Petö-Sprossenstuhl, dieser Stuhl hat eine lange Lehne,
die aussieht wie eine Leiter. Die Kinder halten sich an den Sprossen fest und schieben
den Stuhl zu ihrem Platz. Die Konduktorin sitzt auf einem Hocker mit Rollen, rollt
hinter dem Kind her und hält es bei Bedarf an den Hüften fest. Jedes Kind hat seinen
festen Platz. Er besteht aus einer dünnen Matratze, auf dem schon ein kleines Stofftier
wartet. Vor der Matratze steht ein Petö-Sprossenhocker. Jedes Kind setzt sich auf
den Hocker und zieht allein oder mit Hilfe Schuhe und Socken aus. Wenn alle Kinder
fertig sind, beginnt der "Unterricht".

Eine Konduktorin ist während der gesamten Zeit für den Ablauf zuständig und singt/spricht
die Anweisungen. Nach Begrüßung und Atemübungen bei geöffnetem Fenster stehen die
Kinder langsam von den Hockern auf. Manche schaffen es alleine, bei Hedda musste
ich helfen. Durch ständige Wiederholungen der selben Anweisungen gibt die Konduktorin
den Kindern ein Gefühl von Sicherheit. Somit werden die Anweisungen auch nach und
nach automatisiert.

Hedda gehtAls Hedda dann stand - ich saß hinter ihr - folgte die nächste Übung: sie mußte
langsam in die Hocke gehen, dann in den 4-Füßler-Stand und sich anschließend auf
den Bauch legen. Wenn alle Kinder liegen, können sie ihr Stofftier begutachten.
Dabei müssen sie ihren Kopf hochheben. Die Kinder werden immer kontrolliert und
viel gelobt. Bei Hedda war es die erste Woche sehr schwierig, sie wollte ihre eigene
Turnstunde machen. Aber man merkte, dass ihr das viele Singen und die ruhigen wiederholenden
Anweisungen gefielen. Als sie ihr erstes Lob bekam, strahlte sie ... und ich auch
:o)

Nun wird auf dem Rücken liegend geturnt und gesungen. Hedda musste z.B. den Stock
in die Hand nehmen und zum Gesang von "Bruder Jakob" den Stock auf den Bauch legen
und wieder über den Kopf auf den Boden legen. Es ist sehr schwierig, aber nach 3
Wochen klappte es schon sehr gut. Heute nach 3x 4 Wochen Petö macht es Hedda schon
manchmal alleine.

Andere Übungen sind z.B.: die Beine abwechselnd anwinkeln oder die Kinder halten
einen kleinen Ring mit den Händen fest und strecken die Arme nach oben in die Luft.
Dazu wurde ein Lied über Autos gesungen und der Ring entsprechend wie ein Lenkrad
gedreht. Lustig war zu sehen, dass einige Kinder auch die ungarischen Lieder versuchten
mitzusingen. Natürlich wird auch in Deutsch gesungen.

Nach dem Bauchprogramm folgte das Drehen auf den Rücken. Dort wurden die Übungen
wiederholt, die vorher auf dem Bauch liegend geturnt wurden. Der Ablauf ändert sich
nicht, so können die Kinder sehr schnell lernen. Nach dem Liegeprogramm stehen die
Kinder wieder langsam auf. Da Hedda vor lauter Kraft immer den Sprossenstuhl umkippte,
stand sie mit Hilfe des Stocks auf.

Es folgte der Toilettengang. Mit Hedda bin ich zur Toilette gegangen, kleinere
Kinder sitzen auf Töpfchen vor den Sprossenstühlen und können sich daran festhalten.
Im ersten Moment fand ich diesen Anblick etwas komisch, aber dieses "Pipi machen"
in der Gruppe ist für die Kinder ein großer Ansporn. Wenn ein Kind "Pipi" gemacht
hat, wird zur Belohnung ein Lied gesungen. Auch für Hedda wurde öfter gesungen,
obwohl auch mal was in die Hose ging. Nach dem Toilettengang ziehen sich die Kinder
Socken und Schuhe allein oder mit entsprechender Hilfe wieder an. Nun geht jedes
Kind wieder nach seinen Möglichkeiten zum Tisch.

Hedda am SprossentischAm speziellen Sprossentisch, auch Pritsche genannt, können die Kinder, die jetzt
wieder auf den Sprossenhockern sitzen, sich gut festhalten. Für einige Kinder werden
Griffe auf dem Tisch montiert. Jedes Kind hat einen kleinen Spiegel auf dem Platz
stehen, damit es sich beim Essen und Trinken sieht und kontrollieren kann (z.B.
gerade sitzen). Nach dem Händewaschen konnten die hungrigen Kinder frühstücken.
Es wird versucht, dass alle Kinder aus einem Becher trinken, also kein Strohhalm,
Nuckelflasche etc. Auch die Kinder mit Sonde werden zum Essen spielerisch animiert.
Auch hier läuft alles sehr ruhig ab.

Nach dem Essen ist ein erneuter Toiletten-/Töpfchen-Gang angesagt . Nach dem
Händewaschen steht entweder ein Einzelprogramm für jedes Kind an, gemeinsames Malen
oder Singspiele am Tisch.

Abschließend wird ein Abschiedslied gesungen und jedes Kind verlässt einzeln
mit der Konduktorin den Raum. Dort werden sie von den Eltern in Empfang genommen
und angezogen. Die Kinder sind schon recht gefordert und auch nach 3 Stunden müde.
Aber alle sind glücklich und zufrieden.

Zum Abschluß der 4 Wochen wird ein Gespräch mit den Konduktoren geführt. Hier
werden unter anderem Hinweise für Zuhause gegeben. Nach einiger Zeit (wegen der
Übersetzung vom Ungarischen ins Deutsche) erhalten die Eltern einen Bericht.

Da Hedda die Petötherapie sehr gut tut, wiederholten wir die Therapieblöcke im
Februar und Juli 2001 noch einmal. Ich freue mich über den Erfolg, wenn Hedda zu
Hause auf dem Boden liegt und ihre Beine von alleine anwinkelt.

Hedda auf dem HockerEs ist etwas schwierig den genauen Ablauf zu beschreiben, aber ich hoffe, Ihr könnt
es Euch vorstellen. Bei "FortSchritt Hannover" besteht die Möglichkeit einer Hospitation
von Eltern. Leider ist es nicht möglich, direkt in den Turnraum zu gehen, man kann
aber durch ein Fenster beobachten und über Lautsprecher den Ablauf hören.

Toll fanden wir auch, dass sich die Mitarbeiter und Konduktoren in Hannover über
das Rett-Syndrom sofort informierten, als wir ihnen von Heddas Verdacht erzählten.

Weitere Informationen könnt Ihr Euch auf der
Homepage des Vereins
"FortSchritt"
holen.

Wiebke mit Hedda (*7/95)