Intensivtherapie in Neckargemünd

Mit Anne in einer fünfwöchigen Reha-Maßnahme im Fachkrankenhaus Neckargemünd

Nachdem wir am Sonntag, 20. 7. 2003, unser Zimmer bezogen hatten, folgte eine
sehr intensive Untersuchung des Diensthabenden Arztes mit einer ausführlichen
Anamnese. Der Grund unseres Aufenthaltes lag ausschließlich darin, Anne auf die
Beine zu bekommen, da die Pflege inzwischen sehr schwierig für mich wird. Anne
wiegt mit ihren 12 Jahren bereits 42 kg und der Transfer ist sehr schwierig.

Am Montag kamen dann nacheinander alle Therapeuten auf unser Zimmer und
befragten uns nach unserem Ziel. Anne bekam einen Stundenplan, der täglich 1x
Physiotherapie, 3x wöchentlich Musiktherapie und 2x wöchentlich Ergotherapie
vorsah.

Nun zum Ablauf der Physiotherapie

Die Therapeutin kam immer in Annes Zimmer und begann die Therapie im Bett.
Über die Seite brachte sie Anne nun zum Sitzen. Durch geschulte Griffe lernte
Anne sehr schnell, dabei ihre Arme einzusetzen und aktiv mitzuhelfen. Über das
so genannte "Schinkenrutschen" wurde Anne auf die Bettkante gesetzt.

Die Therapeutin klopfte Annes Füße mehrmals fest auf den Boden, um ihr klar
zu machen: das sind deine Füße, das ist der Boden und hier musst du stehen.
Annes Hand legte sie dann auf den Rollstuhl, der im rechten Winkel zum Bett
stand. Dann machte sie Anne klar: hier ist der Rolli und hier willst du hin.
Erst nachdem Anne den Blick auf den Rolli richtete, nahm sie Annes Hände und
legte sie um ihre Schultern. Annes Knie waren dabei fest an den Knien der
Therapeutin. Nun nahm sie Anne am Po und zog sie hoch. Sie gab ihr das Gefühl zu
Fallen, wenn sie sich nicht richtig festhält, was Anne sehr schnell begriff.
Nachdem Anne nun mit sehr viel Hilfe stand, wurde sie mit einer Drehung in ihren
Rolli gesetzt.

Nun ging's ab in den Therapieraum. Unterwegs erklärten wir Anne, was sie nun
erwartet. Im Therapieraum war alles umgekehrt und Anne musste vom Rolli auf die
Therapieliege. Dort wurden Dehnübungen und Gleichgewichtübungen mit Hilfe von
Puppen oder anderem Spielzeug durchgeführt. Diese Übungen möchte ich hier nicht
näher beschreiben, da es bestimmt in der Therapiestunde aller Mädchen ähnlich
abläuft. Auch ich wiederholte den Transfer immer genau nach Anleitung, und es
fiel von Tag zu Tag leichter, Anne in den Rolli zu transportieren.

Musiktherapie

(siehe auch: Der Klangspielplatz)

Auch hier wurde Anne wieder vom Therapeuten im Zimmer abgeholt, natürlich
wieder der Transfer vom Bett in den Rolli wie oben beschrieben. In der ersten
Musiktherapiestunde wurde genau getestet, auf welche Töne Anne positiv reagiert
und wie man einen Zugang zu ihr findet. Ganz schnell fanden wir heraus, dass
laute intensive Töne Anne am meisten ansprechen. Und zwar so sehr, dass sie im
Takt mitklatscht. Anne wurde sehr viel wacher und konnte intensiv mitarbeiten.

Hier ein kleines Beispiel: Der Therapeut hielt Anne eine Klangschale mit
einer Holzkugel hin, ich hielt Annes rechte Hand fest und der Therapeut führte
ihre linke Hand zur Klangschale. Anne nahm die Holzkugel fest in ihre Hand,
drehte sie ein paar Mal und ließ sie zurück in die Schale fallen. Der laute Ton
brachte sie sehr zum Lachen und sie freute sich sichtlich, dass sie diesen Ton
hervorgebracht und uns dazu noch sehr erschreckt hatte. Anne wiederholte das
ganze drei- bis viermal. Wenn Anne etwas in die Hand nimmt, bedeutet das einen
großen Fortschritt.

Aber wir hatten ja unser Ziel auf die Gewichtsübernahme der Beine gesetzt,
deshalb folgten die nächsten Musiktherapiestunden zusammen mit der
Physiotherapeutin. Dabei wurden mit rhythmischer Musik krankengymnastische
Übungen durchgeführt. Anne baute dabei mehr Spannung auf und sie arbeitete
besser mit. Einmal in der Woche ging ich mit Anne zum Klangspielplatz (Bericht
im Anschluss).

Fazit

Von Tag zu Tag wurde die Gewichtsübernahme besser. Anne weiß inzwischen sehr
genau: aha, ich sitze auf der Bettkante, wo kann ich mich festhalten, und schaut
nach ihrem Rolli. Auch mir hat die Reha-Maßnahme sehr viel gebracht, ich habe
gelernt mit den richtigen Griffen mein Kind zu bewegen.

Jede Therapie lief immer genau nach dem gleichen Schema ab, und genau das ist
das, was unsere Mädchen brauchen. Oft höre ich von betroffenen Eltern, dass
sie resignieren bei der Diagnose Rett-Syndrom: aber auch Rett-Kinder lernen
dazu!

Mein besonderer Dank gilt: Andi und Christoph (Physiotherapie), Jo
(Musiktherapeut), Martin (Ergotherapeut), Dr. Jochen Weisser (Oberarzt) und dem
Pflegepersonal der Station 5.

Bärbel Ziegeldorf mit Anne