Hippotherapie
Die Hippotherapie ist eine krankengymnastische Übungsbehandlung auf dem Pferd
unter neurophysiologischen Kriterien. Hier wird die Wirkweise,
die Methodik und die Besonderheiten
bei der Anwendung für Kinder mit Rett-Syndrom erläutert. Weitere Informationen gibt
es beim DKThR.
Wirkweise
Die dreidimensionale Schwingung des Pferderückens wirkt vornehmlich in der langsamen
Gangart Schritt (ein Viertakt) nachweisbar spastiklösend, dies hält auch über die
Zeit der Hippotherapieanwendung noch an. Die dreidimensionale Schwingung des Pferderückens
wirkt fördernd auf die Stimulierung von Gleichgewichtsreaktionen und Koordination,
je nach Behinderung auch in allen Gangarten. Das Balancieren auf dem Sitzdreieck
( Schambeinfuge, beide Sitzbeinhöcker ) bietet eine Grundstabilität, die bei spastischer, dysplastischer oder anderweitig eingeschränkter unterer Extremität nicht gegeben
ist - hierauf kann sich der Oberkörper symmetrisch ausrichten.
Die kräftigen Schwingungen des Pferderückens dreidimensionaler Art stimulieren die
Körperwahrnehmung im Raum im Sinne einer starken Stimulierung der Körpernahsinne.
Die unmittelbare Nähe eines sanften, warmen, weichen und dem Menschen zugewandten
Tieres kann subjektives Wohlbefinden erzeugen ("Ur- Mutter"). Der gesamte Körper
des Patienten wird gleichzeitig in definierter Weise bewegt, die Hände des Behandelnden
bleiben frei für zusätzliche taktile Reize an gezielten Stellen bzw. Hemmung pathologischer
Mitbewegungen. Durch die stabile Beckenmittelstellung im Reitsitz befindet sich
die Wirbelsäule in physiologischer Mittelstellung mit symmetrischen An- und Abspannen
der Rücken- und Bauchmuskulatur. Für die Beine ist die Wirkung der Schwerkraft ausgeschaltet
Methodik
Die Hippotherapie ist prinzipiell eine Einzelbehandlung, die vom Arzt verschrieben
wird (zur Zeit jedoch nicht zu den Kassenleistungen der Pflichtkrankenkassen gehört)
und von einer/m speziell weitergebildeten Krankengymnastin/Krankengymnasten durchgeführt
wird. Ferner muss das Pferd nach speziellen Kriterien ausgewählt und von einer erfahrenen
Pferdefachkraft vorbereitet und bei der Therapie geführt werden. Die Therapiefortschritte
werden ferner von einem erfahrenen Arzt überwacht, mit der/dem Therapeutin/en zusammen
dokumentiert und als Verlaufsbericht dem evtl. vorhandenen Kostenträger zugänglich
gemacht, falls dieser dies wünscht.
Ferner müssen die Räumlichkeiten besondere Rahmenbedingungen bieten. Beispielsweise
ist eine Aufstiegsrampe oder - treppe (je nach Gehfähigkeit), für Rollstuhlfahrer
über ca. 40 kg sogar ein elektrischer Lift, zu empfehlen. Damit die Behandlung nicht
unfallträchtiger ist als eine Behandlung in einer krankengymnastischen Praxis müssen
alle Beteiligten über Erfahrung, Umsicht und Verantwortungsbewusstsein verfügen
- statistisch kommen Unfälle bei der Hippotherapie bundesweit noch immer selten
vor.
Alles in allem ist die Behandlung aufwendiger als in der Praxis, daher sollten die
Indikationen zur Hippotherapie genau gestellt und der Behandlungserfolg kritisch
bewertet werden, um die begrenzten Therapieplätze optimal zu nutzen. In der Regel
wird die Hippotherapie je nach Indikation, Belastbarkeit und Behandlungsziel zwischen
20 und 40 Minuten lang durchgeführt, im Mittel werden 25-30 Minuten Behandlungszeit
inklusive Auf- und Absteigen nötig. Üblicherweise wird einmal pro Woche behandelt,
dies bringt oft bereits einen guten Therapieerfolg. Sollte die Zahl der Therapieplätze
dies jedoch zulassen, kann eine zweimal wöchentliche Behandlung Vorteile bringen
und bei geringer Belastbarkeit (beispielsweise beim Querschnittspatienten ) sehr
günstig sein.
Hippotherapie beim Rett-Syndrom
Da bei Mädchen mit Rett-Syndrom mehrere der durch Hippotherapie Angehbahren Probleme
vorkommen, gibt es hier in aller Regel die Empfehlung zur Hippotherapie. Besonders
die Gleichgewichtsstörungen können hierbei behandelt werden. Oft erreichen die Kinder
wieder eine bessere Gehfähigkeit, wenn früh genug nach der Diagnosestellung mit
der Hippotherapie begonnen wird. Wissenschaftliche Nachweise der Effektivität bei
Rett-Syndrom sind wegen der sehr unterschiedlichen Verlaufsformen der Bewegungsprobleme
jedoch schlecht zu führen, die Beobachtung über Jahre lässt jedoch die Empfehlung
zu, eine regelmäßige Hippotherapie durchzuführen. Zu bedenken ist auch, dass die
Kinder unter der anfangs zunehmenden Einschränkung ihrer Bewegungsfähigkeit auch
seelisch sehr stark leiden und so auch die Fortbewegung auf dem Pferd ein freudig
angenommenes Bewegen ermöglicht sowie "Geschwindigkeit" wieder erfahren wird. Vorsicht
geboten ist durch die epileptischen Anfälle, hier ist sicherzustellen, dass das
Kind problemlos vom Pferd geholt werden kann, falls ein Anfall beginnt (zuverlässige,
nicht zu große Pferde, erfahrene Therapeuten, ggf. Sturzhelm). Jedoch sind Anfälle
auf dem Pferd (=in Aktivität) erwartungsgemäß selten anzutreffen.
Insgesamt werden Koordination, Raumgefühl und Gleichgewicht geschult, günstig ist
auch die Unterbrechung der Automatismen (wie "Händeringen"), durch den starken vom
Pferd ausgehenden Aufforderungsreiz, sich mit dem Tier statt mit eigenen Körperteilen
zu beschäftigen.
Weitere Informationen
Beim Dachverband
DKThR gibt es eine Adressliste von Hippotherapiezentren und geprüften Hippotherapeuten.
DKThR (Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten)
48231 Warendorf
Freiherr von Langen Str. 13
Webadresse: www.dkthr.de
Ggf. kann man auch bei
Dr. Fieger (nur per FAX 06703/2944)
nach weiteren Informationen fragen.
